Soziale Suche: Das Internet in meinem Filter

25 Nov

Die Zeit nach Google: Lange sah es so aus, als ob Google beim Suchen und Finden im Netz ohne Alternative bleiben wird. Doch neue Dienste wie trap.it kombinieren die Internetsuche mit Social-Media-Elementen – und gehen so neue Wege.

“Wenn die Nachricht wichtig ist, dann wird sie mich finden” – so zitierte die “New York Times” schon im Frühjahr 2008 einen amerikanischen Studenten. Gemeint ist: Wer häufig im Netz unterwegs und dort auch gut vernetzt ist, braucht eigentlich keine Nachrichtenportale mehr anzusteuern, um sich von den Titelseiten aus durch die Meldungen zu klicken. Wenn etwas Relevantes passiert ist – und der Begriff “relevant” ist dabei subjektiv ziemlich dehnbar – dann werden mich meine Facebook-Freunde und die Leute, denen ich bei Twitter folge, in der Regel schneller darauf hinweisen als ein Nachrichtenportal.

Inzwischen gibt es auch diverse Dienstleister, die mir meinen personalisierten Nachrichtenstrom in ansprechender Aufmachung präsentieren. Eines der neuesten und schicksten Webmagazine zum selbst Konfigurieren heißt Trapit. Es wurde vom gleichen Entwicklerteam programmiert, das auch Apples neuen iPhone-Sprachdienst Siri erfand. Es ist seit Mitte November öffentlich verfügbar. Nachdem man sich bei Trapit anmeldet und eines oder mehrere Stichworte für die Suche eingegeben hat, schaltet der Dienst in den “Entdeckungsmodus” und präsentiert nach wenigen Sekunden seine Suchergebnisse in einer magazinigen Aufmachung. Diese kann man “einfangen” (“to trap”) oder ablehnen.

“Besser als die SEO-dominierte Google-Suche”

Trapit stellt seine Netzfunde laut Mitgründer und Produktmanager Hank Nothhaft aus 100.000 derzeit noch handverlesenen Quellen zusammen. Durch Bewerten der Suchergebnisse (Daumen rauf oder runter) lernt Trapit nach einiger Zeit die eigenen Vorlieben besser kennen und präsentiert bessere Suchergebnisse. Ob das stimmt, lässt sich derzeit kaum überprüfen, weil der Dienst noch so neu ist. “Unsere Suche ist besser als die SEO-dominierte Google-Suche und die Ergebnisse sind vielfältiger als die vorhersehbaren Links aus dem sozialen Netz, die von den immer gleichen 200 Leuten bei Twitter ausgehen”, so Nothhaft gegenüber dem US-Techportal Paid Content.

Optisch erinnert Trapit an den Newsreader Flipboard für das iPad. Allerdings kann man in Trapit nicht mit dem Finger blättern, weil es bisher keine App für mobile Touchscreens gibt. Für das iPhone und iPad werde es bis zum Frühjahr 2012 eine solche Anwendung geben, Apps für Android-Mobilgeräte sollen folgen, kündigt Nothhaft an. Und schon bald sollen soziale Netzwerke integriert werden.

Auf dem Weg zum Massenphänomen

Damit gehört Trapit dann allerdings zu einer ganze Palette von Plattformen, die Nachrichtenströme aus dem sozialen Netz zusammenstellen: StorifyStoriful,CuratedbyScoopitSummifyTweetedTimes, Newstream, Pinterest und viele mehr. Dass solche Dienste momentan wie Pilze aus Boden schießen, hat mehrere Gründe. Zum einen ist das soziale Netz auf dem Weg zum Massenphänomen. So ist zum Beispiel jeder vierte Deutsche (und sogar jeder zweite Amerikaner) mittlerweile bei Facebook mindestens einmal monatlich aktiv (die Hälfte davon täglich) und hat dort im Durchschnitt 200 Freunde. Neben den täglichen Verabredungen werden dabei auch immer mehr Links auf Nachrichteninhalte ausgetauscht. Was in gedruckter Form mit den Nachrichten von gestern und logistischen Problemen wie bei der personalisierten Zeitung niiu noch beinahe zwangsläufig scheitern musste, gelingt im sozialen Netz mit Hilfe meiner Freunde offenbar mühelos.

Zum anderen ziehen Tablets – und dabei vor allem das iPad – kreative Entwickler magisch an. Aber noch hat dort niemand eine unwiderstehliche Software-Lösung für bezahlten Journalismus gefunden: Eine Meta-Applikation, die Nachrichtenjunkies nicht 50 verschiedene Apps (mit 50 verschiedenen Mauthäuschen davor) von diversen Medienhäusern aufdrängt, wenn sie nur einzelne von ihren Freunden empfohlene Beiträge lesen wollen, sondern nur eine App. Diese Über-App müsste so einfach und elegant zu nutzen sein wie iTunes für Musik und der AppStore für Software. Sie müsste den Zugang zu möglichst vielen Webinhalten bieten. Auch solche hinter Bezahlschranken und solche, die mir mein Netzwerk empfiehlt.

Alternative zu traditionellen Medien

Flipboard ist dabei mittlerweile auf einem guten Weg, zumindest in den USA. Dort erkennen immer mehr Medienhäuser, dass eigene Applikationen auf Dauer wahrscheinlich nur für sehr starke Marken wie die “New York Times” oder das “Wall Street Journal” wirtschaftlich rentabel sind. Schon die Zweitligisten unter den Medienportalen sollten sich lieber zusammenraufen und mehr als 50 Medienanbieter haben das auch schon getan. Sie bekommen eine nicht öffentlich bezifferte Lizenzgebühr von Flipboard, das dafür wiederum auch Medieninhalte, die eigentlich hinter Bezahlschranken liegen, integrieren darf.

Storify (Screenshot Storify)

Auch Storify hat jüngst aufgerüstet. Anstatt wie bisher Webinhalte aus Quellen wie Twitter, Facebook, Youtube, Audioboo, Flickr oder Blogs, die von einem Nutzer “kuratiert” (= zusammengestellt) werden, chronologisch zu präsentieren, werden in der neuen Magazinoptik die meistaufgerufenen und meistverlinkten dieser Inhalte jetzt prominenter platziert. Außerdem können Trends schneller erfasst werden. Schon 24 Stunden nach der ersten gewaltsamen polizeiliche Auflösung der Occupy Proteste in New York standen mehr als 60 Nachrichtensammlungen zu diesem Thema bei Storify. Diese Vielfalt von Quellen und Meinungen, wenn auch nur zu einzelnen besonders schlagkräftigen Themen, kann kein traditionelles Nachrichtenmedium abbilden.

Dunstkreis der eigenen Interessen

Ein Trend zeichnet sich ab: Die Aufmachung von persönlich zugetragenen Nachrichten auf Personalisierungs-Plattformen wie Trapit oder Storify und konventionell von Redakteuren gestalteten Magazinen nähern sich immer weiter an. Denn längst können auch bei der Huffington Post Facebook-Nutzer wählen, ob auf ihrer Startseite vorzugsweise Inhalte angezeigt werden, die auch ihre Freunde empfehlen. Die Trove-Anwendung der “Washington Post” filtert Nachrichten nach Algorithmen aus verknüpften Facebook-Profilen. Und die Companian-App der “New York Times” liefert Beiträgen zu Themen je nach vorher ausgewählen Vorlieben aus.

Nicht alle bejubeln den Trend, dass man Nachrichten zunehmend komplett auf die eigenen Interessen zugeschnitten konsumieren und den Rest der Welt einfach ausblenden kann. Und dies nicht nur auf Nachrichtenplattformen. Auch die Google-Suche zeigt jedem Nutzer je nach Standort, Endgerät und Webhistorie andere Ergebnisse an, egal, ob man bei Google eingeloggt ist oder nicht. Der Netzaktivist Eli Pariser warnte in einem fulminanten Vortrag und in seinem gleichnamigen Buch vor der “Filterblase”. Seine Befürchtung: Wer nur noch im Dunstkreis der eigenen Interessen schmort, verliert leicht den Blick für die Belange der Gesellschaft.

(Das ZDF und Bernd Gillich sind für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Quelle: ZDF Blog Hyperland : http://blog.zdf.de 

Eine Antwort to “Soziale Suche: Das Internet in meinem Filter”

  1. Oliver Springer 25. November 2011 um 13:51 #

    Ist die Aufmachung in Magazinform eine Verbesserung? Ich habe da meine Zweifel. Wie Google News Inhalte präsentiert, finde ich wesentlich übersichtlicher und nutzerfreundlicher.

    So nützlich die individuelle Filterung ist, so sind die Gefahren doch groß. Heute ist es wichtiger denn je, die Welt auch durch die Augen anderer Menschen zu sehen, denn man hat mit immer mehr Menschen zu tun, die in vielfältiger Weise anders als man selbst sind. Wie wird sich wohl die Filterung auf die Bereitschaft, sich mit anderen Sichtweisen auseinanderzusetzen auswirken?

    Zudem geht der gesellschaftliche Kitt verloren, der sich aus einer gewissen medialen „Gleichschaltung“ als Vorteil ergibt. Kann das anderweitig ausgeglichen werden?

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